Vergiss mich nicht

Zwei rote Kanapees stehen in Mutter Wohnzimmer. Eigentlich sind sie zu kurz für einen Erwachsenen, so dass die Füße immer auf der Lehne zu liegen kommen. Meine Mutter lag in der einen Couch, noch ziemlich schwach von den Untersuchungen, ich in der anderen. Wir redeten, oft über ziemlich unwichtige Dinge, so als hätten wir Angst vor den wichtigen Dingen des Lebens.
Ich sah, wie Tränen in den Augen meiner Mutter erschienen. Ich erhob mich, trat zu ihr hin und nahm sie in meinen Arm.
„Vergiss mich bitte nicht!“
„Wie sollte ich dich jemals vergessen“, sagte ich und ich spürte, wie meine Tränen hemmungslos über die Wangen liefen und jedes weitere Wort in einem Schluchzen erstickten.
„Aber das Leben geht weiter. Wir dürfen uns davon nicht unterkriegen lassen!“ Es war meine Mutter, die dieses kurze Intermezzo beendete. Die Frau, die jedes Jahr zu Weihnachten die Frage stellte (und zwar schon, als ich noch ein kleiner Junge war), ob wir uns nächstes Jahr wohl wieder alle zusammenfinden würden, entwickelte jetzt einen Kampfgeist, den ich nur bewundern kann. Weiß sie, dass diese Krankheit schwer ist? Ja, denn ein junger Spund von Assistenzarzt hat es ihr Knallhart ins Gesicht gesagt.
Und sie macht noch Pläne. Sie will auf jeden Fall noch mit ihren Enkelkindern bei ihrer Schwester Urlaub auf den Bauernhof machen. Geplant ist eigentlich im Sommer. Irgendwann sagte sie, vielleicht doch schon zu den Osterferien. So als sei ihr plötzlich klar geworden, dass sie unter Umständen gar nicht mehr so lange Zeit hat.

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