Vor Gericht

Ich weiß nicht einmal, wo in Ingolstadt das Gerichtsgebäude ist. Woher auch, ich habe es nicht gebraucht. Auf jeden Fall war ich für den heutigen Tag um 8:45 vorgeladen.

Ich tat das, was ich immer tue, wenn ich irgendwo einen Termin habe, der sehr wichtig ist und den ich auf gar keinen Fall versäumen darf. Ich war schon zwei Stunden vor der Zeit da. Wer darüber mehr wissen will, der soll bitte unter Panikattacken nachlesen, dem wird das sehr schnell klar.

Auf dem Weg dahin kamen mir immer wieder Bilder in den Kopf, Bilder von mir und von Susanne und unsere Beziehung: Unsere Hochzeit, unseren Sex, unsere Kinder, unsere gemeinsame Zeit. Sie war schön. Es ist einfach ungerecht, Susanne und mir gegenüber, zu behaupten, es sei alles schlecht gewesen und manchmal denke ich, dass sie mich immer noch liebt. Irgendwie, vielleicht auf eine komische, noch nie dagewesene Art. Ich dachte es mir, als wir das Gericht verließen. Doch weiter im Text.

Ich wollte vor dem Gerichtgebäude parken und dachte mir, dass ich um 7 Uhr morgens wohl einen Parkplatz fände. Doch da hatte ich mich getäuscht. Übrigens lag das Gerichtsgebäude fast neben dem Schulamt und daran habe ich auch noch schlechte Erinnerungen. Als ich keinen Parkplatz fand drehte ich noch einmal eine Runde und wollte mich dann ins Parkhaus stellen, wohl wissend, dass das mindestens 7 Euro kostet. Doch – oh Wunder – direkt vor dem Gericht fuhr ein Wagen weg und ich hatte einen perfekten Parkplatz.

Ich stöpselte mein Smartphone an und hörte mir ein wenig Harry Potter an (Der Order des Phönix). Ich war nervös, wusste eigentlich gar nicht so recht warum. Ich muss ja nur Unterschreiben, dachte ich mir. Irgendwann ging ich nach oben. Zweiter Stock. Zimmer 38. Es war keiner da. So gegen acht Uhr kamen die ersten Bediensteten, verteilten Akten. Ich dachte an Kafka, der Prozess. Vielleicht ging es in seinem Umfeld vor 100 Jahren gar nicht mal so anders zu. Ich wollte lesen, schaffte es dann aber irgendwie nicht. Irgendwann kam ein Mann mit Jeanshose, langen blonden, strähnigen Haaren und setzte sich ein wenig Abseits von mir auf einen Stuhl. Ich kam mir Overdressed vor mit meinem Anzug und mit meiner Krawatte.

Gegen halb neun kam Susanne. Nervös und schnaufend wie immer. Sie habe im Parkhaus geparkt, sie wusste gar nicht, dass man vor dem Gericht parken könne. Irgendwann kam ihr Anwalt. Ich kannte ihn nicht, ein älterer Herr, hinkend. Es war noch ein Mann dabei. Zuerst dachte ich, es sei der Richter, aber es war ein zweiter Anwalt, den er engagiert habe, damit er in meinem Namen weitere Rechtsmittel ausschließen konnte. Das darf ich nämlich nicht.

Die Scheidung dauerte übrigens nur ca. 15 Minuten. Wir mussten beide erklären, dass wir die Ehe für gescheitert erklärten und danach sprach er die Scheidung aus. Aus und vorbei. Was am 28. Mai 1999 begann, vier Jahre gut funktionierte, vier Jahre so lala und die letzten Jahre eine einzige Katastrophe war, ging damit zu Ende.

Draußen stand noch der Mann mit den blonden, strähnigen Haare. Wie ich jetzt begriff war es der nächste Kandidat, der auf eine gescheiterte Ehe zurückblickt.

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