Anruf von Hans

Ich kam heute nach Hause, schaltete den Computer ein. Irgendwie startete er zuerst nicht und dann ging die Maus nicht. Außerdem ging es mir nicht gut. Die Nachhilfe ließ ich ausfallen, denn ich hatte mit weichen Knie zu kämpfen.

Den ganzen Tag war mit gedanklich bei meiner Mutter und rechnete mit einer SMS von meiner Schwester oder mit einem Anruf von ihr mit der Mitteilung, dass meine Mutter gestorben sei.

Während ich dies hinschreibe überkommt mich ein Schauer. Meine Mutter, von der ich immer dachte, sie sei ewig, sie würde vielleicht mit 98 sterben, zu einer Zeit da ich selber schon mein Ende nahen sehe, da würde mir ihr Ende wohl nicht mehr so viel ausmachen. Vielleicht bin ich zu dieser Zeit ja auch schon Tod. Gerade dieser letzte Gedanke offenbart eine gewisse Feigheit, eine Feigheit vor dem Tod und dem Leiden, dem ich ungern ins Auge blicke.

Doch ich wollte von Hans und seinem Anruf erzählen. Als ich mich gerade erschöpft auf meinen Stuhl niederließ und mich fragte, was mit meiner Maus den los sei läutete das Telefon. „Anonymer Anrufer“ ist meistens meine Schwester, denn die Nummer von Susanne wird angezeigt.Es war also Hans. Er wartete einen Augenblick, bis er zu sprechen anfing, so als wolle er erst seine Gedanken konzentrieren und überlegen, wie er mir die Neuigkeiten mitteilen sollte. Meine Erwartung und meine Unruhe wuchs mit jeder Sekunde.

Meine Mutter lebt noch. Sie hat mehrere Magengeschwüre und Zwölffingerdarmgeschwüre. Ob diese nun mit ihrem Krebs zu tun haben oder von der Chemo kommen, konnte er nicht sagten. Ebenso wusste er nicht ob aus unserem Ausflug in den bayrischen Wald nächste Woche etwas wird. Es kann sein, dass sie am Wochenende vor den Feiertagen entlassen wird. Ob aber eine solche Reise gewagt werden kann muss letztendlich der Arzt entscheiden.

Ich ertappte mich bei den Gedanken, dass ich meine Mutter am liebsten so in Erinnerung behalten möchte wie sie auf meinen Bildern ist. Eine fröhliche Frau, die ihre Enkelkinder in den Arm hält und in meine Kamera lächelt. Trotzdem will ich sie auf jeden Fall nächste Woche besuchen, ob sie nun im Krankenhaus ist oder nicht.

Und ich werde dafür sorgen, dass meine Mutter zumindest zwischen den Seiten dieses Blogs weiterlebt. Auch wenn wir uns in den letzten 25 Jahren nicht wirklich mehr etwas zu sagen gehabt haben bin ich ihr das schuldig, denn ich verdanke ihr wahrscheinlich mehr als ihr (und vielleicht auch mir) bewusst ist.

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