Brigitte

Ich erzähle die Geschichte meiner Freundinnen rückwärts. Nun also Brigitte.

Brigitte studierte zunächst Lehramt an Gymnasien Bio/Chemie. Nicht in Regensburg sondern woanders. Ich weiß nicht genau, ich glaube in Essen. Ist ja auch nicht so wichtig.

Sie kam 1989 an die Uni Regensburg. Sie musste einige Kurse nachholen, so auch den Kurs „Morphologie und Anatomie der Tier“, auf deutsch ein Tierbestimmunskurs. Dort lernte ich sie auch kennen, über Rosi, eine nette Kommilitonin (die in dieser Rubrik aber nicht auftaucht – es kommt zwar noch eine Rosi, aber das ist ein ganz anderes Mädchen).

Sie kam mit Susanne in die Mensa. Ich habe das bei Susanne geschrieben, denn es war unsere erste bewusste Begegnung. Brigitte erzählte mir,dass sie gerne male und ich kam auf die Idee, mit ihr in die Ostdeutsche Galerie zu gehen. Es war ein ganz spontaner Einfall und eigentlich nicht mehr als Smalltalk. Doch sie ging gleich darauf ein und ich erinnere mich gut an den wohligen Schauder, der meinen Körper durchrieselte. Es war nur die Andeutung eines Flirts und nicht mehr.

In den Wochen darauf dachte ich sie könnte meine Freundin werden, ohne dass ich dafür irgendeinen direkten Grund anführen könnte.

Dann kam die Geschichte mit den Kohlrouladen. Dieses Essen ist für mich bis zum Ende aller Tage mit Brigitte verknüpft und wird es auch immer bleiben.

Also: Ich saß bei der Bibliothek. Dort ist ein künstlicher See mit einigen Stufen angelegt. Es war Frühling, Das Sommersemester hatte noch nicht begonnen. Brigitte kam des Weges und setzte sich zu mir. Ich weiß nicht, über was wir redeten. Irgendwann kam sie auf die Idee, mich zu sich einzuladen. Sie hätte Kohlrouladen („Krautwickerl“) gemacht. Gestern Abend hatte sie Besuch (von einem Mann, der irgendwie ihr Freund war oder auch nicht. Ich wusste das nicht und wahrscheinlich wusste sie es auch nicht). Also fuhr ich zu ihr. Es war nicht gerade die Einladung, noch kurz auf einen Kaffee hoch zu kommen. Ich dachte mir nichts dabei.

Sie wohnte in einer kleinen Bude, hatte aber keine Mitbewohnerin. Den Krautwickerl tat das nochmalige Aufwärmen gar nicht gut, denn sie waren am Boden schon deutlich verkohlt. Mir schmeckten sie trotzdem. Draußen war es in der Zwischenzeit dunkel geworden. Wir saßen auf dem Bett und redeten.

Keine Frage, Brigitte gefiel mir. Ein sympathisches und freundlichen und auch hübsches Mädchen. Ich kam ihr langsam näher. Zaghaft, zögerlich. Ich wollte nicht zu aufdringlich sein. Plötzlich berührten sich ihre Lippen.

„Meine Probleme nehmen zu!“, an diesen Satz kann ich mich noch gut erinnern. Doch sie stieß mich nicht von sich. Ihr gefiel es, geküßt zu werden. Und so zog ich sie weiter aus. Unser Liebesvorspiel war ziemlich heftig. Vielleicht zu heftig, denn ich merkte, dass sich bei mir erstaunlich wenig bewegte. Unterhalb der Gürtellinie. Du weißt, was ich meine. Ich hatte plötzlich Angst. Ich war fast 27. Geschlafen hatte ich bisher noch mit keiner Frau. Nicht gerade ein Ruhmesblatt für mich, aber die Seite ist auch nicht Untertitelt mit „Casanova II“.

Irgendwie wollte ich mit ihr schlafen, aber irgendwie auch wieder nicht. Ich dachte mir damals schon und weiß es heute sicher (nachdem ich doch schon einige hundert Male Sex hatte), dass ich viel Vertrauen und viel Zärtlichkeit brauche, wenn ich mit einer Frau schlafe. Ich kam aus diesem Dilemma ganz einfach raus indem ich fragte: „Willst du mit mir schlafen?“ Und sie sagte „Nein!“ Damit hatte ich fast gerechnet. Wir kannte uns zu wenig, um gleich miteinander ins Bett zu gehen. Wenn ich einfach weitergemacht werden, hätten wir wahrscheinlich miteinander geschlafen. Ich legte eine kleine Kunstpause ein und wir schliefen nicht miteinander. Übrigens nahm sie auch nicht die Pille und ich hätte „Aufpassen müssen“ wie sie sagte. Aufpassen stell ich mir ziemlich schwierig vor, wenn Sex eine neue Erfahrung ist. Ach noch ein kleines Detail am Rande: Brigitte hatte mittlerweile nur noch eine Socke an, die sie schließlich auch auszog.

Irgendwann fuhr ich nach Haus. Es war so gegen 4 Uhr am morgen, als ich ziemlich aufgeregt, aber auch glücklich nach Hause kam.

Brigitte und ich traten nie offiziell als Paar auf.

Übrigens wiederholte sich das oben beschriebene noch einmal. Wir hatte uns zu einer klärenden Aussprache verabredet. Leider schmusten wir wieder sehr intensiv und machten – so glaube ich heißt das – Petting, also Zärtlichkeiten unter der Gürtellinie, ohne das es aber zu einem Koitus kam (Hey, wer bin ich, Doktor Schiwago?).

Eine Wochen später kam sie dann zu mir und erzählte mir, dass sie jetzt wirklich einen Freund habe. Einen Schulkameraden von ihr. Ich glaube, damals war ich dann schon ein wenig enttäuscht, noch dazu war ihr Freund auch an der Uni. Das war im Sommersemester. Doch am Ende des Semesters verliebte ich mich in Susanne. Brigitte war auch noch da. Diese Zeit war schön und ich möchte sie niemals missen.

„Ich kann mir gar nicht vorstellen, dass wir uns jemals aus den Augen verlieren“, sagte Brigitte auf der Chemie- oder Biofete in diesem Sommer des Jahres 1990 zu mir. Leider habe ich fast keinen Menschen so gründlich aus den Augen verloren wie Brigitte.

Sie machte Diplomarbeit (ach ja, sie wechselte später zu Biochemie) im Labor neben meinem und als ich sie einmal besuchen wollte, sah ich einen kleinen Mann mit dem Rücken zu mir, der sich gerade sehr intensiv mit einer Frau beschäftigt. Er küsste sie, mehr nicht. Wir sind hier im wirklichen Leben und in keiner Seifenoper. Die Frau war Brigitte. Es war ein Pharmazeut, der etwa so groß war wie Brigitte. Mit diesem blieb sie auf jeden Fall zusammen. Nach allem was ich weiß, denn ich habe Brigitte seit über 12 Jahren nicht mehr gesehen. Ich glaube er ist der Leiter (oder ein Mitarbeiter) der Krankenhausapotheke in Deggendorf. Deggendorf war nie mein Gebiet, so habe ich dieses Krankenhaus auch nicht besucht.

Brigitte sagte einmal: „Mein Mann wird bestimmt viel größer sein als ich“. Brigitte ist kaum 1,60 Meter groß.

„Es gibt ja noch Zwerge“, meinte Susanne. Nun, ihr Mann ist wirklich kaum größer als sie.

Nun abschließend unsere letzte Begegnung. Ich bereitete mich gerade auf meine neue Arbeit als Pharmareferent vor, es muss also 14 Jahre fast her sein. Eine Buchhandlung in Regensburg. Zufällig liefen wir uns über den Weg. Wir redeten über das, was wir jetzt vor hatten, das ich als Pharmareferent arbeiten werden. Irgend ein belangloses Zeug.

Dann trenten wir uns. Bis heute sahen wir uns nicht wieder.

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