Vater

Nun also schreibe ich über meinen Vater. Ich beginne mit seinen letzten Minuten, die er hier auf Erden verbrachte.

Pfingstmontag, 20:18 ungefähr. Warum ich das so genau weiß? Der Fernseher war an, es begann gerade der Abendfilm nach der Tagesschau. James Bond, Liebesgrüße aus Moskau. Ich wollte ursprünglich aus gehen. Nur für ein paar Stunden, denn ich musste später noch in der Kaserne sein. Ich war damals Soldat, Pionier in der 3. Pionierbataillon in Bogen, noch in der Grundausbildung. Meinem Vater ging es nicht so gut, er hatte sich hingelegt. Mir selber übrigens auch nicht und so beschloss ich, diesen Abend zu Hause zu bleiben.

Plötzlich ein rufen meines Vaters. Ich glaube, es war ein Schrei um Hilfe. Er war auf der Toilette zusammengebrochen. Wir liefen nach oben. Wir wussten aber nicht, was zu tun war. Irgendjemand holte die Nachbarin. Die Familie wohnte zur Miete bei uns, die Frau war Nachtschwester im Krankenhaus. Wenigstens sie wusste, was zu tun war. Ich rief den Krankenwagen. Ein paar Minuten später waren sie da und behandelteten meinen Vater. Sie versuchten ihn zu reanimieren.

Ich begriff, das sich etwas entscheidendes in meinem Leben ereignete und ich hoffte, dass mein Vater Tod sei. Ja, ich wünschte seinen Tod, denn ich mochte ihn nicht und in der Tat half er mir durch seinen Tod mehr als durch sein Leben.

Und er war Tod. Der Notarzt versuchte es mir schonend beizubringen, was gar nicht nötig war. Wieso auch. Sein sterben hatte schon vor langer Zeit begonnen. Vielleicht schon vor meiner Geburt, durch seinen Bierkonsum, vielleicht auch durch zuviele Zigaretten. Später rauchte er nicht mehr, dafür aß er mehr und wurde immer dicker.

Mein Vater lag Tod auf dem Ehebett. Unsere Nachbarin, nennen wir sie Frau S. und meine Mutter zogen ihn an. Er schien sich noch zu bewegen. Meine Mutter schrie auf. Der Pfarrer kam. Er telefonierte mit der Kaserne zur Bestätigung, das ich heute nicht zum Dienst erscheinen werde.

Viele Erinnerungen drängen sich im Augenblick auf. Zu viele. Ich will hier über meinen Vater berichten. Es soll eine kurze Einführung werden. Vielleicht folgen noch weitere Posts.

Mein Vater schlug mich nie, mich  nicht, meine Mutter nicht und auch nicht meine Schwester. Trotzdem litten wir unter ihm. Unter seinen Lieblosigkeit, seiner schlechten Laune und seinem ewigen nörgeln. Auch hier widerstehe ich der Versuchung, näher ins Detail zu gehen.

Mein Vater arbeitete bei der Bundesbahn. Er baute die Gleise. Keine besonders anspruchsvolle Arbeit und er war die ganze Woche nicht zu Hause. Er kam freitag nachmittags und fuhr am Montag wieder. Gut für uns, denn wir hatten unsere Ruhe. Am Wochenende war er im Wirtshaus und ließ sich auch selten sehen und wenn, dann nörgelte er, was mich furchtbar störte.

Meine Mutter lernte er durch eine Zeitungsanzeige kennen. Da arbeitete er schon bei der Bahn.

Zuvor glaube ich hatte er Gelegenheitsjob, bei einem Steinmetz, ich glaube auch bei einem Nachbarn. Übrigens lebt dessen Frau noch. Ab und zu wird sie von meiner Mutter besucht. Auch in der Schweiz war er für einige Zeit. Ich weiß das aus seinen Erzählungen.

War er ein guter Vater? Zumindest hat er mit mir, als ich noch klein war, einiges unternommen. An einen Spaziergang rund um den sogenannten „Teufelsfelsen“ in Mitterfels kann ich mich noch erinnern. Ich will gerecht sein, es gab auch gute Zeiten und vielleicht kann ich aus der Vergangenheit gar nicht richtig ermessen, worunter er litt.

Bevor er meine Mutter kennen lernte hatte er eine Beziehung zu einer Frau aus der ein unehelicher Sohn hervorging. Er redete nie darüber. Ich wusste es zwar, doch wo er wohnte (der Sohn) oder was aus ihm wurde erfuhr ich bis zu seinem Tode nicht. Erst bei seinem Tod stiegen die Geister der Vergangenheit wieder aus den Gräbern hervor. Er meldete sich und verlangte sein Erbe. Meine Mutter zahlte ihn aus, indem sie einen Teil des Grundstückes an eine benachbarte Spedition verkaufte. Sie redete dabei auch ein paar Mal mit seiner Mutter, der früheren Freundin seines Sohnes. Sie sagte, er habe sie vergewaltigt. Ich kann mir das beim besten Willen nicht vorstellen. Gut kann ich mir vorstellen, dass Vaters Herz zerbrach und er keine engere, emotionale Beziehung mehr zu Frauen eingehen wollte. Vielleicht erklärt das auch die Distanziertheit meiner Mutter gegenüber. Sex hat mit Nähe und Vertrauen oftmals sehr wenig zu tun. Jede Prostituierte wird dir das bestätigen.

Wenn ich unter diesem Gesichtspunkt meinen Vater betrachte, dann beginne ich ihn ein Stück weit zu verstehen und empfinde jetzt, fast 28 Jahre nach seinem Tod, so etwas wie Trauer. Jeder Mensch sehnt sich nach Liebe und vielleicht hatte meine Mutter einfach nicht die emotionale Stärke die Liebe dieses kalten, zurückweisenden, ewig in der Kneipe sitzenden Menschen zu entfachen. Wenn er fähig gewesen wäre, Liebe zu empfinden, wäre ihm meine Mutter eine wundervolle Ehefrau gewesen. So war es aber eine Qual, für beide Seiten.

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