Wenn ich an meine Mutter denke…

… überfällt mich immer noch eine Welle von Traurigkeit. Ich kann mir manchmal nicht vorstellen, dass auf der anderen Ende der Telefonleitung meine Mutter nicht mehr ist. Wenn ich den Hörer abnehme und die Nummer zu Hause wähle, dann meldet sich meine Schwester oder mein  Schwager, vielleicht auch Jessica oder Selina, doch niemals mehr meine Mutter. Der Gedanke hat immer noch etwas schreckliches Endgültiges an sich. Manchmal rede ich in Gedanken noch mit ihr, Frage mich, was sie wohl Antworten würde, wenn ich ihr erzähle, was ich jetzt mache.

Ich habe ihr am Beginn ihrer Krebserkrankung versprochen, dass ich sie nie vergessen werde und dieses Versprechen werde ich einhalten und sei es auch nur zwischen diesen Zeilen.

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Warten auf den Klapperstorch

Bis zum Alter von sieben Jahren glaubte ich daran, dass der Storch die Kinder bringt. Mit 5 Jahren wollte ich unbedingt einen Bruder oder eine Schwester, zum damaligen Zeitpunkt war mir das Geschlecht eigentlich egal, doch das Einzelkinddasein gefiel mir nicht. Tante Kuni sagte mir, dass ich dem Storch Zuckertückchen auf das Fensterbrett legen müsse, dann würde er mich erhören und mir ein Geschwisterchen bringen. Ich tat es, die Zuckerstückchen waren am nächsten Tag weg (es regnete in der Nacht und ich glaube, sie haben sich einfach aufgelöst), ein Baby kam aber nicht.

Als meine Mutter dann schwanger war und ich sah, dass ihr Bauch immer dicker wurde hörte ich auf an den Storch zu glauben. Da mein Vater die ganze Woche in der Arbeit war, begleitete ich meine Mutter auch zum Frauenarzt nach Bogen. Allerdings war ich nicht im Untersuchungszimmer.

Kurz vor der Geburt saßen meine Mutter und ich zusammen. Ich glaube, wir weinten, weil uns klar wurde, dass sie bald ins Krankenhaus kommen würde. Meine Schwester kam als Kaiserschnitt auf die Welt, allerdings weiß ich nicht, ob meine Mutter das zu diesem Zeitpunkt wusste. Sie hatte die Nabelschnur mehrmals um den Hals gewickelt und wenn sie auf normalem Weg auf die Welt gekommen wäre, wäre sie bei der Geburt wohl gestorben. An diese Tatsache erinnerte lange ein roter Fleck, den sie am Hals hatte. Dieser wurde später wegoperiert.

Muttis letzte Tage

Als meine Mutter starb, schrieb ich nicht und so hole ich jetzt nach und versuche mich anzunähern an ein paar Tage die für mich schrecklich waren. Ich will erst gar nicht den Versuch unternehmen, die Gefühle, die entstanden, als ich sah, wie meine Mutter fast unter meinen Augen dahinschwand. Trotzdem soll diese Zeit nicht vergessen werden, denn je mehr Zeit vergeht, desto ungenauer, trüber wird die Erinnerung.

In den letzten Augusttagen hatte ich ein paar Tage Urlaub und ich war mit meinen Kindern bei meiner Mutter. Als wir uns verabschiedeten hatte ich das Gefühl, dass meine Kinder ihre Oma wohl nicht mehr sehen würden. Ich hatte recht, ahnte aber nicht, wie schnell es gehen würde.

Aurelia vergaß ihre Puppe bei meiner Mutter und Susanne rief voller Wut meine Mutter an, sie solle ihr die Puppe schicken. Meine Mutter ärgerte sich furchtbar darüber, dass Susanne nur ihre Puppe interessierte und gar nicht fragte, wie es ihr selber ging. Sie versprach zwar, die Puppe zu schicken, ließ sich aber bewusst Zeit. Die Sache endete dann so, dass mir das ganze Theater so auf die Nerven ging, dass ich Aurelia eine Puppe kaufte, damit Susanne nicht meiner sterbenden Mutter mit irgendwelchem Blödsinn noch auf die Nerven ging. Als ich später meine Mutter dann im Krankenhaus besuchte, fragte sie mich immer als erstes, was denn mit der Puppe sei. Dieser Sachverhalt ist eigentlich unwichtig, wird aber bis zum Ende meiner Tage mit dem Tod meiner Mutter verbunden sein, deshalb gehört er hierher.

Es war Mittwoch oder Donnerstag, als ich in der letzten Herbstsonne in der Mittagspause draußen saß und mit meiner Mutter telefonierte. Am Samstag waren meine Kinder bei mir und ich rief Mutti an. Sie erzählte mir, dass es hier heute überhaupt nicht gut gehe. Das war schon öfters der Fall gewesen, meistens verging es bald wieder. Diesmal leider nicht! Am nächsten Tag rief mich Renate an, dass sie Mutti ins Krankenhaus gebracht hätten.

Am Dienstag fuhr ich dann mit dem Zug nach der Arbeit nach Hause. Ich hatte Bürotag und arbeitete von Mitterfels aus. Meine Mutter war noch ziemlich guter Dinge. Sie hatte Wasser, das regelmäßig abgelassen wurde. Ihr Bauch war teilweise aufgebläht, fast so, als wäre sei schwanger. Am Mittwoch waren wir auch bei ihr und es kamen zwei ihrer Brüder und besuchten sie. Sie lebte förmlich auf, denn es handelte sich noch dazu um ihre Lieblingsbrüder. Das war der Mittwoch.

Am Freitag hieß es, dass Mutti vom Krankenhaus nach Hause käme. Sie rief mich an, ich solle Hans sagen, dass er sie am Freitag abholen solle. Er holte sie am Freitag ab. Er hatte ihre Wohnung in der Zwischenzeit neu gestrichen. Es war schön, dass sie es noch einmal sah. Denn sie blieb nur eine Nacht zu Hause. Sie konnte nichts bei sich behalten und erbrach alles. Renate wollte die Verantwortung nicht übernehmen und fuhr sie wieder ins Krankenhaus. Sie wollte nicht mehr, sie wollte zu Hause bleiben. Ich verstehe Renate da vollkommen, ich selber hätte die Verantwortung auch nicht übernommen.

Am Samstag fuhr ich dann nach Hause. Mutti war noch in der Notaufnahme. Sie winkte mir zu. Schwach zwar, aber sie winkte. Später war sie dann auf dem Zimmer. Sie trank etwas Wasser und erbrach anschließend irgendeine dunkle Masse, das aussah, als sei es getrocknetes Blut.

Am nächsten Tag, am Sonntag, riefen wir in der Früh im Krankenhaus bei Mutti an. Sie nahm den Hörer ab. Ihre Stimme klang sehr schwach. Als sie den Hörer auflegte, merkten wir, dass sie ihn fast nicht mehr auf die Gabel bekam.

Am Nachmittag fuhren wir dann zu ihr. Der Anblick war schecklich. Sie war in ein anderes Zimmer gekommen. Sie war sehr schwach und sah aus, als ob sie jeden Augenblick sterben würde. Irgendwie drang der Gedanke zu mir durch, dass ich wahrscheinlich am Sterbebett meiner Mutter stand. Meine Schwester, mein Schwager und meine Nichten verließen den Raum und ließen mich mit Mutti alleine. Was sollte ich in einer solchen Stunde sagen: „Ich liebe dich“ oder „ich hab dich lieb“. Ich finde, es war wichtig, ihr  zu sagen, dass Menschen da waren, die an sie dachten, die sie mochten und die sie in dieser Stunde nicht alleine ließen.

Ich musste ja morgen wieder arbeiten und fuhr nach Ingolstadt und am nächsten Tag dann wieder nach München.

Ich rechnete damit, dass meine Mutti in den nächsten Tagen sterben würde. Am Montag rief mich Renate in der Arbeit an, ob sie noch eine Magenspiegelung machen sollten. Ich war unentschlossen. Sie hatten ihr aber starke Schlafmittel gegeben und wenn wir nein sagten, dann würden sie sie aufwecken und sie selber fragen. Das wollte ich nicht. Ich wünschte mir, dass sie ruhig in die andere Welt hinüberging. Schließlich rief Rente noch Onkel Michl an, der Heilpraktiker in München ist und der meinte, falls sie ein blutendes Magengeschwür hätte, dann könnten sie die Blutung stillen und Mutti wieder ins Leben zurückholen. So war es auch. Für kurze Zeit. Sie hatte ein Magengeschwür, bekam wieder Blut und erwachte wieder zu neuem Leben.

Renate erzählte mir, dass es ihr wieder sehr gut ginge und ich freute mich schon darauf, sie am Dienstag wieder zu sehen. Ich fuhr nach Hause. Ich kam leider ziemlich spät an, weil mein Zug Verspätung hatte und diese mickrige Bimmelbahn von Neufahrn nach Bogen nicht warten konnte und ich eine Stunde auf den Anschlusszug warten musste. Als ich ankam war meine Schwester gerade mit zwei Freunden beim Essen. Ich stieß dazu, aß aber nichts. Als wir ins Krankenhaus kamen, ging es meiner Mutter schon wieder schlechter. Sie war aber noch Ansprechbar.

Nächsten Tag besuchten wir sie wieder und wir sahen sofort, dass es ihr sehr schlecht ging.  Während wir an ihrem Bett saßen, dämmerte sie langsam vor sich hin. Ich musste bald gehen, denn am nächsten Tag hatte ich Dienst. Wenn ich geahnt hätte, dass sie an diesem Abend noch stirbt, wäre ich geblieben, doch wer kann das ahnen.

„Musst du schon gehen?“, hauchte meine Mutter, als ich ging um zurück nach Ingolstadt zu fahren.

Hans fuhr mich zum Bahnhof. Als er zurückkam war der Pfarrer schon da. Er war vom Pfleger gerufen worden. So ungefähr zwei Stunden später starb meine Mutter. Hans und Renate waren anwesend. Das ist gut so, denn es sollte niemand alleine sein, wenn er stirbt. Ich wäre auch gerne dabei gewesen, doch meine Mutter hätte ja auch noch ein paar Tage, ja vielleicht sogar ein paar Wochen leben können.

Renate erzählte mir, dass sie das Fenster geöffnet hätten, damit ihre Seele aus dem Zimmer konnte. Eine nette Geste, auf jeden Fall.

Wieder zu Hause

Nun, da ich einen Tablettcomputer veerfüge‘ beginne  ich meinen Aufenthalt bei meine Mutter zunberichten. Was habe ich vor. Im Augenblickn suche ich gerade deb Doppelpunkt auf meinem Lifetab. Gleichgültig, ich werde au h ohne ihn auskommen. Was erwartet mich nun diese Woche. Ich werde die erste beiden Tage meine Texte schreiben und dann  anschliessend die Lebensgeachichten meiner Mutter aufscheiben.

Keine Chemo mehr

Momentan telefoniere ich täglich mit meiner Mutter. Sie liegt im Krankenhaus. Vor einer Woche wäre sie fast an unerkannten Darmblutungen gestorben, sie konnte gerade noch mit Bluttransfusionen gerettet werden. Gestern sagte sie mir, dass sie keine Chemotherapie mehr machen will. Scheinbar war die ganze Quälerei nutzlos, der Krebs ist nicht zurückgegangen, sie ist nur immer so schwach hinterher, dass sie kaum fähig ist, alleine auf die Toilette zu gehen.

Mich selber bewegen seit der Diagnose immer wieder Gedanken an den Tod. Nicht nur der Tod meiner Mutter sondern auch der Tod an sich. Meine eigene Sterblichkeit wird mir immer stärker bewusst. Der Krebs meiner Mutter ist ein Faktum, dass in keinster Weise in meiner Rechnung war.

Noch mal von der Schippe gesprungen

So ähnlich  drückte es meine Mutter aus, als ich heute mit ihr telefonierte. Sie sagte es auf bayrisch, ungefähr so: „Da habe ich es gnoi beieinander gehabt!“, was soviel heißt, wie das war ganz schön knapp.

Das war es auch. Ich glaube ich schrieb darüber. Meine Mutter war mit Blutungen auf der Toilette zusammengebrochen. Sie wurde sofort ins Krankenhaus gebracht. Sie sagte noch zu Renate und den Kindern, sie käme wieder und sie wolle sich von der Krankheit noch nicht besiegen lassen.

Gestern abend kam kurz nach elf Uhr eine SMS mit der Telefonnummer meiner Mutter im Krankenhaus mit der dringenden Bitte doch bei ihr anzurufen.

Heute morgen rief ich nun über mein Handy die Nummer meiner Mutter an. Sie meldete sich mit einer kräftigen Stimme, ich erkannte da keinen Unterschied zu früher. Sie klang nicht betrübt, obwohl ich das Gefühl hatte, das sie am Ende des Gesprächs den Tränen nahe war, obwohl ich dar nur vermuten kann.Sie werde erst nächste Woche aus dem Krankenhaus entlassen, also müssten wir leider den Urlaub verschieben.

Eben kam mir der Gedanke, dass wir diesen Urlaub auf jeden Fall machen sollten und wenn meine Mutter dazu nicht mehr in der Lage sein sollte, dann eben alleine, als eine Art Andenken an meine Mutter. Vielleicht sollten wir das jedes Jahr wiederholen.

Gedanken an meine Mutter

Während ich an meinem Schreibtisch sitze und schreibe (in München, nicht zu Hause) liegt mein Handy neben mir. Heute Vormittag plötzlich ein surrendes Geräusch. Eine SMS. Ich zuckte zusammen. Irgendwie erwartete ich eine Mitteilung von meiner Schwester wie „Mama ist gestorben“, wie aus einem Roman von Camus. Doch es war nur Werbung. Heute beschäftigt mich meine Mutter immer wieder. Sie schob sich in meine Gedanken während ich schrieb, auf der nach Hause fahrt von München. Später, als ich bei KFC und bei MacDonalds saß und mein Buch las.

Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob ich dankbar sein soll für die Zeit, in der wir sie hatten oder ob ich wütend sein soll, dass sie uns jetzt schon genommen wird und keine zwanzig Jahre mehr lebt. Dass der Tod so plötzlich, so umbarmherzig und mit solcher Gewalt zuschlägt ist für mich eine schreckliche Erfahrung. Meine Mutter wird durch ihren Tod in meinem Leben keine Lücke hinterlassen. An meinem Leben hat sie in den letzten 25 Jahren nicht mehr wirklich Anteil genommen. Trotzdem wünschte ich mir  sie hätte mich noch ein Stück begleitet. als eine Insel zu der ich ein oder zweimal im Jahr zurückkehren kann.

Ich kam erst nach 9 zu Hause an. Ich glaube ich wollte verhindern, dass ich noch mit Renate oder mit Hans telefonieren musste.

Der Gedanke an den Tod beschäftigt mich zur Zeit. Ich denke an den Tod ihrer Mutter, ihres Vaters, an die Eltern meines Vaters. Seinen Vater kannte ich nicht, er starb zwei Jahre vor meiner Geburt und meine Großmutter starb ich als 9 war.

Und mein eigener Tod. Wenn mich morgen ein unerwarteter Herzinfarkt niederstreckt. Wo werde ich begraben sein. Ich habe so keine Familie mehr. Durch meine Scheidung bin ich jetzt gezwungen alleine in einem Zimmer zu leben.Meine Frau kümmert sich nicht um mich. Vielleicht wäre es gut wenn meine letzte Ruhestätte in Mitterfels im Familiengrab ist, wo meine Eltern begraben liegen, vielleicht ist dort der richtige Platz für mich um meine letzte Ruhe zu finden.

Ich schrieb „Gedanken an meine Mutter“,doch eigentlich sind es Gedanken an mich, an meine eigene Vergänglichkeit. Ich stelle mir vor, ich bin in einer Warteschlange vor einem offenen Grab. Meine Mutter ist die nächste und danach komme ich.

Der Tod meines Vaters hat bei mir einiges bewirkt und war vielleicht eines der einschneidensten Ereignisse meines Lebens. Wenn er nur zwei oder drei Jahre länger gelebt hätte, dann wäre mein Leben sicherlich ein kleines Stück anders verlaufen.

Und der Tod meiner Mutter? Ich kann es nicht sagen, doch gibt es nicht irgendwo die Aussage, dass die Beschäftigung mit dem Tod uns zum Leben führt, weil uns klar wird, dass wir vergänglich sind, dass es keine Garantie für ein Leben bis weit über 90 gibt, auch wenn die Medizin erstaunliche Fortschritte gemacht hat.

Hier und heute frage ich mich: Ist es nicht an der Zeit etwas verrücktes zu machen, etwas das meinen Leben einen neuen Sinn und eine neue Perspektive gibt. Sollte dass durch den Tod meiner Mutter bewirkt werden, dann war ihr Tod nicht sinnlos.ö

Ich weiß, dass ich hier schreibe als sei sie schon Tod, doch bin ich im Herzen davon überzeugt, dass es gegen diese Krankheit kein Heilmittel gibt. Von 100 Menschen leben nach 5 Jahren vielleicht noch 4 oder 5. Meine Mutter ist schon sehr geschwächt wie mir Renate berichtete.

Ich will jetzt schließen und diese Gedanken mit ins Bett nehmen, die zugleich traurig sind aber auch eine gewisse Hoffnung beinhalten.