Muttis letzte Tage

Als meine Mutter starb, schrieb ich nicht und so hole ich jetzt nach und versuche mich anzunähern an ein paar Tage die für mich schrecklich waren. Ich will erst gar nicht den Versuch unternehmen, die Gefühle, die entstanden, als ich sah, wie meine Mutter fast unter meinen Augen dahinschwand. Trotzdem soll diese Zeit nicht vergessen werden, denn je mehr Zeit vergeht, desto ungenauer, trüber wird die Erinnerung.

In den letzten Augusttagen hatte ich ein paar Tage Urlaub und ich war mit meinen Kindern bei meiner Mutter. Als wir uns verabschiedeten hatte ich das Gefühl, dass meine Kinder ihre Oma wohl nicht mehr sehen würden. Ich hatte recht, ahnte aber nicht, wie schnell es gehen würde.

Aurelia vergaß ihre Puppe bei meiner Mutter und Susanne rief voller Wut meine Mutter an, sie solle ihr die Puppe schicken. Meine Mutter ärgerte sich furchtbar darüber, dass Susanne nur ihre Puppe interessierte und gar nicht fragte, wie es ihr selber ging. Sie versprach zwar, die Puppe zu schicken, ließ sich aber bewusst Zeit. Die Sache endete dann so, dass mir das ganze Theater so auf die Nerven ging, dass ich Aurelia eine Puppe kaufte, damit Susanne nicht meiner sterbenden Mutter mit irgendwelchem Blödsinn noch auf die Nerven ging. Als ich später meine Mutter dann im Krankenhaus besuchte, fragte sie mich immer als erstes, was denn mit der Puppe sei. Dieser Sachverhalt ist eigentlich unwichtig, wird aber bis zum Ende meiner Tage mit dem Tod meiner Mutter verbunden sein, deshalb gehört er hierher.

Es war Mittwoch oder Donnerstag, als ich in der letzten Herbstsonne in der Mittagspause draußen saß und mit meiner Mutter telefonierte. Am Samstag waren meine Kinder bei mir und ich rief Mutti an. Sie erzählte mir, dass es hier heute überhaupt nicht gut gehe. Das war schon öfters der Fall gewesen, meistens verging es bald wieder. Diesmal leider nicht! Am nächsten Tag rief mich Renate an, dass sie Mutti ins Krankenhaus gebracht hätten.

Am Dienstag fuhr ich dann mit dem Zug nach der Arbeit nach Hause. Ich hatte Bürotag und arbeitete von Mitterfels aus. Meine Mutter war noch ziemlich guter Dinge. Sie hatte Wasser, das regelmäßig abgelassen wurde. Ihr Bauch war teilweise aufgebläht, fast so, als wäre sei schwanger. Am Mittwoch waren wir auch bei ihr und es kamen zwei ihrer Brüder und besuchten sie. Sie lebte förmlich auf, denn es handelte sich noch dazu um ihre Lieblingsbrüder. Das war der Mittwoch.

Am Freitag hieß es, dass Mutti vom Krankenhaus nach Hause käme. Sie rief mich an, ich solle Hans sagen, dass er sie am Freitag abholen solle. Er holte sie am Freitag ab. Er hatte ihre Wohnung in der Zwischenzeit neu gestrichen. Es war schön, dass sie es noch einmal sah. Denn sie blieb nur eine Nacht zu Hause. Sie konnte nichts bei sich behalten und erbrach alles. Renate wollte die Verantwortung nicht übernehmen und fuhr sie wieder ins Krankenhaus. Sie wollte nicht mehr, sie wollte zu Hause bleiben. Ich verstehe Renate da vollkommen, ich selber hätte die Verantwortung auch nicht übernommen.

Am Samstag fuhr ich dann nach Hause. Mutti war noch in der Notaufnahme. Sie winkte mir zu. Schwach zwar, aber sie winkte. Später war sie dann auf dem Zimmer. Sie trank etwas Wasser und erbrach anschließend irgendeine dunkle Masse, das aussah, als sei es getrocknetes Blut.

Am nächsten Tag, am Sonntag, riefen wir in der Früh im Krankenhaus bei Mutti an. Sie nahm den Hörer ab. Ihre Stimme klang sehr schwach. Als sie den Hörer auflegte, merkten wir, dass sie ihn fast nicht mehr auf die Gabel bekam.

Am Nachmittag fuhren wir dann zu ihr. Der Anblick war schecklich. Sie war in ein anderes Zimmer gekommen. Sie war sehr schwach und sah aus, als ob sie jeden Augenblick sterben würde. Irgendwie drang der Gedanke zu mir durch, dass ich wahrscheinlich am Sterbebett meiner Mutter stand. Meine Schwester, mein Schwager und meine Nichten verließen den Raum und ließen mich mit Mutti alleine. Was sollte ich in einer solchen Stunde sagen: „Ich liebe dich“ oder „ich hab dich lieb“. Ich finde, es war wichtig, ihr  zu sagen, dass Menschen da waren, die an sie dachten, die sie mochten und die sie in dieser Stunde nicht alleine ließen.

Ich musste ja morgen wieder arbeiten und fuhr nach Ingolstadt und am nächsten Tag dann wieder nach München.

Ich rechnete damit, dass meine Mutti in den nächsten Tagen sterben würde. Am Montag rief mich Renate in der Arbeit an, ob sie noch eine Magenspiegelung machen sollten. Ich war unentschlossen. Sie hatten ihr aber starke Schlafmittel gegeben und wenn wir nein sagten, dann würden sie sie aufwecken und sie selber fragen. Das wollte ich nicht. Ich wünschte mir, dass sie ruhig in die andere Welt hinüberging. Schließlich rief Rente noch Onkel Michl an, der Heilpraktiker in München ist und der meinte, falls sie ein blutendes Magengeschwür hätte, dann könnten sie die Blutung stillen und Mutti wieder ins Leben zurückholen. So war es auch. Für kurze Zeit. Sie hatte ein Magengeschwür, bekam wieder Blut und erwachte wieder zu neuem Leben.

Renate erzählte mir, dass es ihr wieder sehr gut ginge und ich freute mich schon darauf, sie am Dienstag wieder zu sehen. Ich fuhr nach Hause. Ich kam leider ziemlich spät an, weil mein Zug Verspätung hatte und diese mickrige Bimmelbahn von Neufahrn nach Bogen nicht warten konnte und ich eine Stunde auf den Anschlusszug warten musste. Als ich ankam war meine Schwester gerade mit zwei Freunden beim Essen. Ich stieß dazu, aß aber nichts. Als wir ins Krankenhaus kamen, ging es meiner Mutter schon wieder schlechter. Sie war aber noch Ansprechbar.

Nächsten Tag besuchten wir sie wieder und wir sahen sofort, dass es ihr sehr schlecht ging.  Während wir an ihrem Bett saßen, dämmerte sie langsam vor sich hin. Ich musste bald gehen, denn am nächsten Tag hatte ich Dienst. Wenn ich geahnt hätte, dass sie an diesem Abend noch stirbt, wäre ich geblieben, doch wer kann das ahnen.

„Musst du schon gehen?“, hauchte meine Mutter, als ich ging um zurück nach Ingolstadt zu fahren.

Hans fuhr mich zum Bahnhof. Als er zurückkam war der Pfarrer schon da. Er war vom Pfleger gerufen worden. So ungefähr zwei Stunden später starb meine Mutter. Hans und Renate waren anwesend. Das ist gut so, denn es sollte niemand alleine sein, wenn er stirbt. Ich wäre auch gerne dabei gewesen, doch meine Mutter hätte ja auch noch ein paar Tage, ja vielleicht sogar ein paar Wochen leben können.

Renate erzählte mir, dass sie das Fenster geöffnet hätten, damit ihre Seele aus dem Zimmer konnte. Eine nette Geste, auf jeden Fall.

Advertisements

Gedanken an meine Mutter

Während ich an meinem Schreibtisch sitze und schreibe (in München, nicht zu Hause) liegt mein Handy neben mir. Heute Vormittag plötzlich ein surrendes Geräusch. Eine SMS. Ich zuckte zusammen. Irgendwie erwartete ich eine Mitteilung von meiner Schwester wie „Mama ist gestorben“, wie aus einem Roman von Camus. Doch es war nur Werbung. Heute beschäftigt mich meine Mutter immer wieder. Sie schob sich in meine Gedanken während ich schrieb, auf der nach Hause fahrt von München. Später, als ich bei KFC und bei MacDonalds saß und mein Buch las.

Immer wieder stellte ich mir die Frage, ob ich dankbar sein soll für die Zeit, in der wir sie hatten oder ob ich wütend sein soll, dass sie uns jetzt schon genommen wird und keine zwanzig Jahre mehr lebt. Dass der Tod so plötzlich, so umbarmherzig und mit solcher Gewalt zuschlägt ist für mich eine schreckliche Erfahrung. Meine Mutter wird durch ihren Tod in meinem Leben keine Lücke hinterlassen. An meinem Leben hat sie in den letzten 25 Jahren nicht mehr wirklich Anteil genommen. Trotzdem wünschte ich mir  sie hätte mich noch ein Stück begleitet. als eine Insel zu der ich ein oder zweimal im Jahr zurückkehren kann.

Ich kam erst nach 9 zu Hause an. Ich glaube ich wollte verhindern, dass ich noch mit Renate oder mit Hans telefonieren musste.

Der Gedanke an den Tod beschäftigt mich zur Zeit. Ich denke an den Tod ihrer Mutter, ihres Vaters, an die Eltern meines Vaters. Seinen Vater kannte ich nicht, er starb zwei Jahre vor meiner Geburt und meine Großmutter starb ich als 9 war.

Und mein eigener Tod. Wenn mich morgen ein unerwarteter Herzinfarkt niederstreckt. Wo werde ich begraben sein. Ich habe so keine Familie mehr. Durch meine Scheidung bin ich jetzt gezwungen alleine in einem Zimmer zu leben.Meine Frau kümmert sich nicht um mich. Vielleicht wäre es gut wenn meine letzte Ruhestätte in Mitterfels im Familiengrab ist, wo meine Eltern begraben liegen, vielleicht ist dort der richtige Platz für mich um meine letzte Ruhe zu finden.

Ich schrieb „Gedanken an meine Mutter“,doch eigentlich sind es Gedanken an mich, an meine eigene Vergänglichkeit. Ich stelle mir vor, ich bin in einer Warteschlange vor einem offenen Grab. Meine Mutter ist die nächste und danach komme ich.

Der Tod meines Vaters hat bei mir einiges bewirkt und war vielleicht eines der einschneidensten Ereignisse meines Lebens. Wenn er nur zwei oder drei Jahre länger gelebt hätte, dann wäre mein Leben sicherlich ein kleines Stück anders verlaufen.

Und der Tod meiner Mutter? Ich kann es nicht sagen, doch gibt es nicht irgendwo die Aussage, dass die Beschäftigung mit dem Tod uns zum Leben führt, weil uns klar wird, dass wir vergänglich sind, dass es keine Garantie für ein Leben bis weit über 90 gibt, auch wenn die Medizin erstaunliche Fortschritte gemacht hat.

Hier und heute frage ich mich: Ist es nicht an der Zeit etwas verrücktes zu machen, etwas das meinen Leben einen neuen Sinn und eine neue Perspektive gibt. Sollte dass durch den Tod meiner Mutter bewirkt werden, dann war ihr Tod nicht sinnlos.ö

Ich weiß, dass ich hier schreibe als sei sie schon Tod, doch bin ich im Herzen davon überzeugt, dass es gegen diese Krankheit kein Heilmittel gibt. Von 100 Menschen leben nach 5 Jahren vielleicht noch 4 oder 5. Meine Mutter ist schon sehr geschwächt wie mir Renate berichtete.

Ich will jetzt schließen und diese Gedanken mit ins Bett nehmen, die zugleich traurig sind aber auch eine gewisse Hoffnung beinhalten.

SMS von meiner Schwester

Ich schrieb gerade meine WB ( soll heißen Einträge für Webkataloge), da surrte mein Handy. Eine SMS für mich. Ich bekomme eher selten SMS, das gehört zu den Dingen, die ich in der digitalen Welt noch nicht verinnerlicht habe. Es war meine Schwester. Ich erschrank. War vielleicht etwas mit meiner Mutter.

Es waren 3 oder 4 Zeilen. Das es meiner Mutter nach der Chemo ziemlich schlecht gegangen habe und sie sich fragte, ob denn diese Quälerei noch einen Sinn hat. Ich schrieb ihr zurück, wenn sie noch ein paar Monaten länger lebt und sie vielleicht noch mit ihren Enkelkinder in den Urlaub fahren kann, dann lohnt es sich allemal.

Zwei Stunden später, auf der Fahrt nach Ingolstadt hatte ich das Bedürfnis, mit meiner Schwester zu reden. Sie war ziemlich gefasst am Telefon. Ich dachte schon, sie würde anfangen zu weinen und dann ist die Gefahr sehr groß, dass ich auch meine Tränen nicht zurückhalten kann. Doch das tat sie nicht, obwohl ich des öfteren das Gefühl hatte, sie stände kurz davor.

Sie bedrücke das so, dass meine Mutter ihre ganze Kraft verloren habe. Gestern sei sie den ganzen Tag nur gelegen, konnte nur mit Hilfe aufstehen. Heute ginge es ihr aber schon besser. Wenn aber nun noch eine Grippe hinzukäme. Die würde ihren ohnehin schon geschwächten Körper noch mehr zusetzen.

Durch die SMS  und jetzt durch das Gespräch kam wieder die Trauer hoch. Die Trauer um meine Mutter, darüber, dass ich ihr noch 20 Jahre im Kreise ihrer Lieben gegönnt hätte. Ich für meinen Teil hatte es fast schon akzeptiert. Gut, dachte ich mir, ich habe es einfach. Sitze hier in Ingolstadt und brauche weiter nichts zu tun, als auf einen Anruf von meiner Schwester oder meinem Schwager zu warten.

Renate und Hans bekommen alles mit, die Trauer und das Sterben meiner Mutter.

Telefonat mit Mutter

Während ich auf die Telefonkonferenz mit Stefan wartete, läutete das Telefon. Mutter rief mich an. Leider hatte ich nicht viel Zeit und außerdem kam noch ein zweiter Anruf durch. Seit meine Mutter krank ist, läutet bei ihr das Telefon die ganze Zeit.

Schon beim Telefonat mit Stefan merkte ich, dass das Telefon nicht richtig funktionierte. Nach der Konferenz steckte ich das Telefon um. Es lag wohl am Splitter. Er wurde schon einmal ausgetauscht und das Telefon geht immer noch nicht. Außerdem habe ich auch nicht Zeit, ständig mit der Telekom zu telefonieren um nach 20 Minuten in der Warteschleife zu erfahren, dass ich doch bitte später wieder anrufen soll.

Doch nun zurück zu meiner Mutter. Als ich mit ihr telefonierte fiel mir auf, wie matt und müde sie sich anhörte. Die Chemo hätte sie gut vertragen. Der kleine Urlaub in den Osterferien sei schon fest geplant. Hoffentlich dürfen meine Kinder auch mitfahren. Zuerst wollten wir in den Sommerferien fahren, doch meine Mutter hat wohl Angst, das nicht mehr zu erleben. Krebs drängt plötzlich das Leben sehr zusammen und macht Vergänglichkeit erst richtig erfahrbar.

Schon vor Jahren fiel mir bei meiner Mutter plötzlich auf, dass sie alt geworden war und als ich sie das letzte Mal im Krankenhaus sah, verstärkte sich dieser Eindruck. Als ich das sah, fühlte ich mich selber alt und mir fiel ein, dass ich der nächste war, wenn das Leben seinen normalen Gang nimmt.

Ja, über den Tod denke ich zur Zeit oft nach. Nicht nur über den Tod meiner Mutter. Es scheint, als habe ich diese Tatsache bis zu einem gewissen Punkt akzeptiert. Nein, es ist mein Tod, der mir immer wieder in den Sinn kommt. Wann wird er kommen, wie wird er sein. Wird er schnell sein oder langsam, gnädig oder grausam. Es sind dies Fragen, die ich natürlich nicht beantworten kann und es ist müßig, sich darüber Gedanken zu machen.

Der Tod meiner Großmutter

Es tut mir leid, dass mein Blog zur Zeit ein wenig Morbide anmutet und mein hauptsächliches Thema der Tod ist. Wer aber vom Tod im Augenblick so berührt wird wie ich, der wird es verstehen, dass man die Geister der Toten und die Geister der Vergangenheit aus allen Winkel und Ecken hervorkriechen sieht.
Ich wollte von meiner Großmutter schreiben. Von der Mutter meiner Mutter, die vor etwa 34 Jahren starb. Sie war etwas älter als meine Mutter jetzt ist. Ich erinnere mich noch sehr gut daran. Ich sehe das Bild vor mir. Ich war wütend, weil meine Mutter traurig war. Meine Mutter war traurig, weil es ihrer Mutter schlecht ging und sie vielleicht sterben musste und ihre Schwägerin hatte ihre Mutter zu einer anderen Tochter abgeschoben. Eine todkranke Frau musste einige Kilometer mit dem Auto gefahren werden, nur weil ihre Schwiegermutter sie nicht pflegen wollte.
Der Tod kam meiner Großmutter im Herbst 1977 sehr nahe. Meine Tante, meine Mutter und ich fuhren nach Regen um sie zu besuchen. Damals, als kleiner Junge hatte der Tod nichts schreckliches an sich. Ich empfand ihn als normal. Man lebte, wurde alt und dann starb man. So war der Lauf der Welt und ich machte mir darüber keine Gedanken. Ich war auch am Sterbebett meiner Oma. Eine alte Frau, das Gesicht voller Falten und eingefallen lag sie da und starrte an die Decke. Meine Tante sagte mir (oder meine Mutter) ich solle sie im Gesicht streicheln, das gefiele ihr. Das tat ich auch. Ich fuhr dann am Abend mit Tante Kuni zurück nach Mitterfels. Ich wollte mir unbedingt einen Film ansehen. „Die Toten Augen von London“, einen Edgar Wallace Film.
Meine Oma starb und Anfang November war die Beerdigung. Wir standen um das Grab herum und froheren. Es kam kein Pfarrer, meine Oma war bei den Zeugen Jehovas. Ich weiß nicht, wer die Grabrede hielt. Mein Großvater stand dabei und murmelte nur immer wieder „Rosa, Rosa“ und wurde von einem seiner Söhne gestützt. Mein Großvater starb 8 Jahre später. Er war übrigens nicht bei den Zeugen Jehovas, was in den letzten Ehejahren immer wieder zu Spannungen zwischen den Eheleuten führte. Da meine Oma viel bei ihrer Tochter Maria (Maral wie sie genannt wurde) war entfremdeten sich die beiden alten Leute zusehends. Meine Mutter erzählte mir immer, dass es zwischen ihren Eltern nie Streit gegeben habe, bis in den letzten Jahren eben.
Ich habe das hier erzählt, weil ich in den letzten Tagen immer wieder daran denken musste. Es ist jetzt über 30 Jahre her, jetzt ist meine Mutter dran und in 30 Jahren bin dann ich dran. Wenn mich nicht auch eine tückische Krankheit zuvor hinwegrafft.

Worte, die nicht gesagt wurden

Auf der Heimfahrt dachte ich darüber nach, dass Vieles nicht ausgesprochen wurde. Meiner Mutter ist sicher Einiges nicht klar. Vielleicht weiß sie nicht, wie sehr ich sie liebe, obwohl ich mich wirklich nicht besonders um sie gekümmert habe. Hans war in dieser Beziehung viel mehr ihr Sohn als ich. Trotzdem bin ich das, was ich heute bin in erster Linie durch meine Mutter geworden. Sie hat mir den Weg für ein Studium freigemacht. Nicht in finanzieller Hinsicht, sondern sie ließ mich einfach gewähren. Sie verstand nicht, was ich genau tat, welchen Zweck ich verfolgte, doch sie ließ es zu. Sie ließ es zu, als meine Besuche zu Hause immer seltener wurden, weil ich in Regensburg eine Freundin gefunden hatte. Schließlich kam ich nur noch ein oder zweimal im Jahr zu besuch. Meine Freunde und mein Studium waren mir wichtiger als meine Mutter. Trotzdem war sie für mich – wie ich weiter oben schon schrieb – nein, ist sie für mich, Heimat, Glück, ein Platz, zu dem man gerne zurückkehrt, weil damit viele wunderschöne Erinnerung verknüpft sind. Meine Kindheit war nicht immer glücklich, doch das lag nicht an ihr, das lag an meinem Vater, der schon lange Tod ist und ich danke dem Schicksal dafür, dass meiner Mutter nach seinem Tod noch viele schöne Jahre beschieden waren. Natürlich gab es auch Zeiten, die nicht so schön waren, doch diese sollten jetzt vergessen sein.
In Ingolstadt angekommen setzte ich mich ins KFC und überlegte mir, ich könne ihr eine Karte schicken, mit ein paar Gedanken. Nicht zu viel und schon gar nicht zu hochtrabende Worte, weil ich sonst nur falsch verstanden werde. Aber ein paar einfach Zeilen von mir machen sie glücklich.
Ich werde diese Karte schreiben bis zum Wochenende, denn am Montag beginnt die Chemie und damit eine bestimmt nicht glückliche Zeit für sie.

Der Abschied

So gegen 17 Uhr fuhr mich Hans zum Straubinger Bahnhof. Vor dem Abschied hatte ich mich gefürchtet. Ich fragte mich, ob ich meine Mutter wohl jemals wiedersehen würde. Natürlich verabschiedeten wir uns mit dem Versprechen, dass ich zu Fasching wieder käme und meine Kinder mitbringen würde, doch wie wird es ihr bis dahin gehen?
Doch nun zu unserem Abschied. Das erschreckte mich und machte mich gleichzeitig neugierig. Sie bedankte sich förmlich für meinen Besuch, als sei ich ein Bekannter von ihr, den sie flüchtig vom Tanzen her kennt. Zum Abschied gab sie mir die Hand. Ich umarmte sie, doch sie blieb merklich kühl.
Ich verstand das zunächst nicht. Auf der Fahrt nach Straubing grübelte ich darüber nach, was wohl los sei.
„Du musst an dich und an deine Kinder denken!“, hatte meine Mutter gesagt. Sie war erschrocken, als sie mich so weinen sah. Ich war meiner Mutter in den letzten Jahren vielleicht etwas kühl erschienen und ihr war wohl nicht klar, wie sehr ich sie liebe und das meine Mutter für mich Heimat bedeutet. Ein Platz, wo man zurückkehren kann, ganz gleich, was man verbrochen hat, ein Mensch, der beobachtet und mich nicht verurteilt, so wie ich es so oft in meinem Leben erleben durfte.
Ich glaube, sie wollte mich nicht weinen sehen. Sie hat Angst, dass ich mich mehr um sie sorgen würde als um mich und darüber meine Arbeit, meine Kinder vernachlässigen würde.
„Sorge dich nicht um mich. Kümmere dich um deine Arbeit!“ , sagte meine Mutter zu mir am Telefon, bevor sie ins Krankenhaus kam