Bäckerei S.

Vom August 1982 bis zum April 1984 war ich in der Bäckerei S. in Mitterfels beschäftigt. Tschanni nannten wir unseren Chef, ich glaube sein richtiger Name war Hermann, wie sein Vater. Mitlerweile ist er Tod, er hat sich aus Kummer um seine Frau das Leben genommen.

Ich erinnere mich gut an die ersten Monate, denn sie waren ziemlich schwierig. Es war meine zweite Arbeitsstelle und die Arbeitsabläufe waren in vielen grundverschieden und es dauerte einige Zeit, bis ich alles wusste. Bei der Herstellung von Laugenbrezen wurde eine Methode angewandt, die ich zwar in der Berufsschule gelernt hatte, die aber als antiquiert bezeichnet wurde. Auf einem länglichen Holzbrett wurden die Brezen in den Ofen verfrachtet, wo sie direkt auf der Herdplatte gebacken wurden.

Diese zwanzig Monate waren für mich eine Zeit des Nachdenkens über mein zukünftiges Leben. Ich habe mir immer Gedanken gemacht, wie ich mein Leben weiterhin führen will und was ich tun möchte. Die Gedanken weiter zur Schule zu gehen waren schon in mir, doch über den Weg war ich mir noch nicht klar. Ich wusste, der erste Schritt muss darin bestehen, erst einmal die Mittlere Reife nachzuholen.

Wenn ich so an die Bäckerei in Mitterfels zurückdenke, dann tauchen immer ein paar Bilder in mir auf. So sehe ich mich an meinem ersten Arbeitstag um drei Uhr morgens am Frühstückstisch sitzen. Meine Mutter hat mir eine Tasse Tee gemacht. Ich zitterte, wohl weniger wegen der Kälte sondern wegen der Angst und der Unruhe, die mich befallen hatte. Als ich dann die Bäckerei betrat und zum ersten Mal Franz, den ersten Gesellen sah wusste ich, dass er gar keine Ahnung hatte, dass ich ab heute in der Bäckerei arbeiten würde.

Ein anderes Bild. Samstag. Ich holte immer an diesem Tag für fünf Mark ein Pfund Wurst vom Metzger gegenüber, die wir zusammen aßen. Meistens reichte die Wurst auch noch am Montag.

Am Samstag gab es auch immer Biskuitrouladen, die ich meistens machte und dann im Kühlhaus lagerte. Ich holte dazu den Schlüssel vom Café und sehr oft begegnete mir dann Elfriede. Ich habe schon erzählt, dass ich sie bei einer dieser Gelegenheiten fragte, ob sie mit mir zum Tanzen gehen will.

Da war noch Sigi, Lehrling und ein richtiges Großmaul. Er brüstete sich ständig mit irgendwelchen sexuellen Erlebnissen mit seinen 17 Jahren, wo ich noch nicht mal eine Freundin hatte.

Hilde war die Verkäuferin. Hilde die Wilde nannte sie Franz und das war gar nicht so verkehrt, denn sie nahm sehr oft kein Blatt vor dem Mund und beschimpfte manchmal auch Franz, der leicht ihr Vater hätte sein können.

Die Zeit war übrigens auch geprägt vom Kalten Krieg, vor der Angst eines atomaren Erstschlages, von Mittelstreckenrakten und vom Nato Doppelbeschluss. Ich hatte zwar Angst, doch erst heute weiß ich, wie nahe damals die Welt einer nuklearen Katastrophe war.

Nachmittagts lernte ich. In dieser Phase der Berufsfindung hielt ich es für eine gute Idee Gefängnisaufseher zu werden. Ich lernte so nachmittags unter anderem Geschichte. Ich las zu diesem Zweck Golo Manns Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts. Aber nicht zu Ende, glaube ich. An einer derartigen Prüfung habe ich dann letztendlich doch nicht mitgemacht.

Ich hatte viele Ideen, wie ich mein weiteres Leben verbringen könnte. Viele verwarf ich wieder, manche begann ich und hörte dann wieder auf. Übrigens las ich auch viel Zeitung, denn schließlich musste ich mich  als zukünftiger Staatsdiener ja auch mit der Politik auskennen. Es gab Zeiten, da kannte ich jeden Regierungschef der einzelnen Bundesländer auswendig.

Natürlich hatte ich Ärger mit meinem Vater, doch den gab es solange er lebte. Seine Tage waren ohnehin gezählt, doch das wussten wir zum damaligen Zeitpunkt natürlich noch nicht.

1983 lernte ich auch Rosi kennen.

Alles in allem eine Zeit des Nachdenkens, des Planens, vielleicht auch des Unmbruchs und auch eine Zeit der Liebe. Ich liebte zum ersten Mal in meinem Leben richtig und wurde auch geliebt. Um keinen Preis der Welt möchte ich diese Zeit in meinem Leben missen.

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