Telekolleg I

Ich habe viele Entscheidungen in meinem Leben getroffen, manche wurde mir auch aus der Hand genommen, aber selten hat eine Entscheidung wohl mein späteres Leben so beeinflusst, wie meine Teilnahme am Telekolleg I.

Kurz zur Erklärung: Das Telekolleg wird bis heute vom Bayrischen Fernsehen (und auch von anderen Rundfunkanstalten) durchgeführt. Damals war es eine Möglichkeit, die mittlere Reife nachzuholen. Der gesamte Kurs dauerte 2 Jahre lang und war in Trimester á 13 Wochen eingeteilt. Ich lernte Deutsch, Mathematik, Geschichte, Chemie, Physik und noch einige Fächer mehr.

Als ich noch mit Rosi ging erzählte ich ihr schon, dass ich plane, die Mittlere Reife nachzuholen. Auf welchem Weg, das wusste ich damals noch nicht so genau. Nach dem Tod meines Vaters meldete ich mich beim Telekolleg I an. Damals waren die Anmeldungen rückläufig und ich bekam einen Brief, dass leider in Straubing kein Kollegtag abgehalten werden konnte. Das waren regelmäßige Treffen (so im Abstand von zwei Wochen) an einer Schule, an der normalerweise auch die Möglichkeit bestand, die mittlere Reife nachzuholen. Mir wurde angeboten, stattdessen nach Landshut zu fahren. Es war etwas umständlich, doch ich wollte das unbedingt machen und so meldete ich mich in Landshut an.

Als es begann war ich gerade beim Bund. Mir ging es schon wieder besser. Ich habe ja schon davon berichtet, wie schwierig diese Zeit für mich war. Ich kam in eine Kompanie, in der normalerweise die Abiturienten kommen. Da diese immer zu einem bestimmten Zeitpunkt eingezogen wurden, kamen die immer in eine Kompanie. Für mich war das sehr gut, denn wenn ich ein Problem hatte, konnte ich einfach Fragen. Nach einiger Zeit wusste ich genau, wer Leistungskurs Geschichte hatte. Einmal, bei einem Gewaltmarsch kam hinter mir ein sympathischer Junge und während er mich überholte fragte ich ihn kurz nach dem Unterschied zwischen Diktatur und Absolution. Wenn ich zur Wache fuhr, dann nahm ich statt der geforderten Unterwäsche immer meine Bücher mit und ich hatte dort jede Menge Zeit um meinen Stoff zu lernen. Anfangs hatte ich große Probleme mit den X-Gleichungen. Ich hatte das in der Hauptschule nicht gelernt. Als ich das verstanden hatte, waren auch Gleichungen mit mehreren Unbekannten kein Problem mehr.

Meine Freunding zu jener Zeit war Elfriede, eigentlich während dem ganzen Telekolleg. Für dieses Projekt war sie optimale. Sie forderte von mir nicht sehr viel Zeit, da sie ohnehin nicht so genau wusste, was sie wollte und ich hatte das Gefühl, eine Freundin zu haben, was mich davon abhielt, nach anderen Frauen ausschau zu halten. So konnte ich meine ganze Energie auf das Telekolleg konzentrieren.

Als meine Kompanie einen Truppenübungsaufenthalt in Frankreich hatte, bekam ich ein ernsthaftes Problem, denn ich musste meine Prüfungen schreiben. Auch kleinere Fächer, wie Geschichte, wurden mit einer Prüfung abgeschlossen. Ich wusste es nicht, wie ich es organisieren sollte. Eine Prüfung konnte ich nachholen, doch der Zeitpunkt passte einfach nicht. Ich erzählte es meinen Chef, Oberleutnant B.. Er meinte schließlich, er sehe keine andere Möglichkeit, als dass ich von der Übung zu Hause bliebe. Das tat sich schließlich dann auch. Ich verlebte zwei ruhige Wochen in der Kaserne, machte meine Prüfungen.

Im zweiten Jahr war ich dann bei der Konditorei K. in Straubing. Ich musste nicht jeden Samstag arbeiten. Es war immer nur ein Lehrling anwesend, der eigentlich nur den Auftrag hatte, die Backstube zu putzen und vielleicht mal einen Obstkuchen oder eine Sahnetorte für den Laden vorzubereiten. Ich konnte immer tauschen, so dass ich kaum einen Kollegtag versäumte.

Manchmal war es nicht gerade leicht, gerade im Winter, wenn ich bei Eis und Schnee nach Landshut fuhr. Oft waren meine Mutter und meine Schwester dabei, die dann in Landshut einen Einkaufsbummel machten.

Nach zwei Jahren hatte ich es geschafft. Ich bekam das Zeugnis über die mittlere Reife. Ich hätte Elfriede gerne zur Feier mitgenommen, aber sie wollte nicht. So ganz hat sie meinen Lerneifer nie verstanden. Sie redete irgendwann mit meiner Mutter darüber, dass sie das nicht verstehe. Ich frage mich, ob es Rosi wohl verstanden hätte. Doch wenn Rosi (oder auch Elfriede) ein klares Bekenntnis zu mir abgelegt hätten, dann hätte ich vielleicht das Telekolleg gar nicht mitgemacht. Die Liebe wäre mir dann wichtiger gewesen als jede Bildung.

Doch es kam anders und es ist gut so. Die Liebe lernte ich dann noch kennen, allerdings erst später.

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